Botschafter Dr. Richard Wotava

Österreichischer Versöhnungsfonds und die Ukraine

Kurz vor Beendigung des Österreichischen Versöhnungsfonds gibt mir die „Österreichisch-Ukrainische Rundschau“ die willkommene Gelegenheit, einen Überblick über die Beziehungen zwischen diesem Fonds und der Ukraine zu geben. Dieser Überblick ist umso angezeigter, als es sich bei der ukrainischen Partnerorganisation des ÖVF, der Ukrainischen Nationalen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“, um jene Partnerorganisation des ÖVF handelt, die im Rahmen des genannten Fonds weitaus die größte und bedeutendste Partnerorganisation darstellte. Vorausschicken möchte ich, dass es sich bei den vom Österreichischen Versöhnungsfonds getätigten Leistungen an ehemalige Zwangsarbeiter um einmalige, symbolische und freiwillige Geldauszahlungen handelte. Wenn ich von symbolischen Zahlungen spreche, dann deshalb, weil eine oft mehrjährige Zwangsarbeit mit keinem noch so hohen Geldbetrag abgegolten werden könnte. Hierbei ist zu bemerken, dass die überwiegende Mehrheit der ehemaligen Zwangsarbeiter die Zahlung, die oft die materielle Not dieser Menschen etwas lindern half, den symbolischen Charakter dieser Leistung sehr wohl verstand, haben uns doch Zwangsarbeiter, denen wir die Leistung persönlich überreichen konnten, oft versichert, dass für sie neben dem materiellen Wert die Tatsache, dass sie zum ersten Mal als Opfer des Nationalsozialismus von einer Organisation anerkannt worden seien, ebenso wenn nicht noch wichtiger als der materielle Wert sei.

Die Freiwilligkeit der Leistung ergibt sich aus der Tatsache, dass Österreich vom rein völkerrechtlichen Standpunkt für die vom Nazi-Regime verübten Gräueltaten nicht verantwortlich gemacht werden kann, weil Österreich als Staat von Hitler-Deutschland ausgelöscht wurde, aber aus Solidarität und Respekt vor den Menschen, die auf dem Gebiet des heutigen Österreich gelitten haben, Österreich sich freiwillig zu einer symbolischen Leistung an diese Zwangsarbeiter veranlasst gesehen hat.

Insgesamt wurden 42.721 Anträge ukrainischer Zwangsarbeiter, die über die ukrainische Partnerorganisation dem ÖVF zur Genehmigung vorgelegt worden waren, positiv abgeschlossen und der ukrainischen Stiftung wurde hiefür ein Betrag von € 88,094.829,11 zur Auszahlung an die ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeiter vom ÖVF überwiesen. Zu Vergleichszwecken sei hier angeführt, dass die für den ÖVF zweitgrößte Partnerorganisation, nämlich die Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“, mit 22.687 positiv erledigten Anträgen und einem finanziellen Volumen von € 42,672.674,37, zu den Vergleichszahlen in der Ukraine ein wesentlich geringeres Volumen, was die Zahl der abgeschlossenen Anträge und die damit zusammenhängenden finanziellen Leistungen anlangt, aufweist. Bei der ukrainischen Partnerorganisation des ÖVF erwies sich als besonders vorteilhaft, dass diese landesweit über Zweigstellen verfügt, die eine ziemlich umfassende Identifizierung der ehemaligen Zwangsarbeiter ermöglichten. Die in den Zweigstellen tätigen Mitarbeiter der ukrainischen Partnerorganisation wiesen auch vielfach genaue Personenkenntnisse auf, was die Eruierung von Personen, die für eine finanzielle Leistung des ÖVF in Frage kamen, wesentlich erleichterte. Die Zweigstelle in Lviv habe ich heuer besucht und konnte mich vom sehr engagierten und kompetenten Arbeitseinsatz der Leiterin dieser Zweigstelle und ihrer Mitarbeiterinnen überzeugen.

Vielleicht ist es auch von Interesse, die Gesamtzahl der positiv abgeschlossenen Anträge ehemaliger Zwangsarbeiter in der Ukraine in die drei vom Österreichischen Versöhnungsfonds-Gesetz vorgesehenen Kategorien aufzuschlüsseln:

Zwangsarbeiter   in der Landwirtschaft 
22.839
   in der Industrie
19.660
  Sklavenarbeiter *)   
220

*) Zwangsarbeiter, die unter KZ-ähnlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten.

Da dem ÖVF, der mit € 636 Mio. sehr gut finanziert war, trotz großzügigster Auslegung des Versöhnungsfonds-Gesetzes nach Abschluss der Auszahlungen an die ehemaligen Zwangsarbeiter noch beachtliche Summen übrig blieben, fasste das Kuratorium des ÖVF schon im Dezember 2004 einen Verteilungsbeschluss, der u.a. vorsah, dass € 30 Mio. an die 6 Partnerorganisationen des ÖVF für humanitäre Projekte, vor allem auch auf dem medizinischen Sektor, zur Verfügung gestellt wurden. Als Aufteilungsschlüssel dieser Summe unter den 6 Partnerorganisationen wurde jeweils die Anzahl der positiv abgeschlossenen Anträge ehemaliger Zwangsarbeiter bestimmt. Da die Ukraine als stärkste Partnerorganisation des ÖVF von allen abgeschlossenen Fällen der 6 Partnerorganisationen 41,76 % Prozent erledigt hatte, standen ihr demnach derselbe Prozentsatz von der Gesamtsumme von € 30 Mio., also €12,528.000,--, zu. Bis zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels hat die Ukraine rund 96,7 Prozent dieser Summe an Vorschüssen erhalten, von denen sie 65,2 Prozent abgerechnet hat. Bei diesem humanitären Projekt wurden an die ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiter seitens der ukrainischen Stiftung folgende Leistungen erbracht:

  • Sanatorium- und Kuraufenthalte
  • Operationen
  • Heilgeräte
  • Medikamente
  • nach den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Antragsteller Geldauszahlungen

Gemäß einem weiteren Beschluss des Kuratoriums vom Dezember 2004 wurde auch die Gründung eines Zukunftsfonds beschlossen, der u.a. auch die Abwicklung der restlichen Agenda des ÖVF (z.B. länger dauernde Erbfälle) und die Prüfung der noch ausstehenden Belege für Leistungen auf dem humanitären Sektor zur Aufgabe hat. Das diesbezügliche österreichische Bundesgesetz betreffend den Zukunftsfonds ist am 19.12. 2005 in Kraft getreten. Im Zukunftsfonds werden 5 bisherige erfahrene Mitarbeiter des ÖVF tätig sein, die eine klaglose Abwicklung der restlichen Agenda des ÖVF, was die Ukraine und die anderen Partnerorganisationen anlangt, sicherstellen.

Ein Erlebnis besonderer Art wurde mir im April 2005 in Lviv zuteil, wo ich zusammen mit dem Vorsitzenden der ukrainischen Partnerorganisation Luschnikow u.a. eine wie immer seitens der ukrainischen Medien hervorragend besuchte Pressekonferenz abhielt. Bei meinem Aufenthalt in Lviv kam ich auch mit einem ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiter namens Vasyl Popadjuk zusammen, den ich vor über 60 Jahren als Zwangsarbeiter bei einem österreichischen Bauern kennen gelernt hatte und mit dem ich mich trotz fehlender gemeinsamer Sprache sehr gut verstand. Wir spielten auch zusammen Fußball, wobei mich der nur um drei Jahre ältere, aber viel stärkere Vasyl auch gewinnen ließ, damit ich nicht immer nur der Verlierer war. Obwohl Vasyl von der Bauernfamilie, in der er als Zwangsarbeiter untergebracht war, sehr gut behandelt wurde, spiegelte sich, wie ich Jahrzehnte später als Generalsekretär des ÖVF bald erkennen konnte, im Schicksal dieses Zwangsarbeiters die geradezu grausame Tragödie Hunderttausender von Schicksalskameraden wider. Vasyl wurde nämlich im Alter von 13 Jahren mit seinen nur um ein bis zwei Jahre älteren Schwestern nach Österreich zur Zwangsarbeit verschleppt, wo sich die Wege der Geschwister trennten. Erst nach dem Krieg haben sie sich glücklicherweise in ihrem Heimatdorf in der Ukraine wiedergefunden.

Wie mir Vasyl erst bei unserem Zusammentreffen in Lviv erzählte, ist er gegen Kriegsende in eine überaus lebensgefährliche Situation geraten, als er von der SS vom Bauernhof abgeholt und zum Schanzenbau des Süd-Ost-Walls eingesetzt wurde. Nach mehrwöchiger Sklavenarbeit beim Schanzenbau wurde ihm klar, dass er diese fürchterliche und brutale Art der Zwangsarbeit bei vollkommen ungenügender Kleidung und Nahrung, noch dazu bei strengem Winterwetter, nicht überleben würde, weshalb er sich zur Flucht entschloss und zu „seinem“ Bauern zurückkehrte. Wäre er bei dieser Flucht von einer Patrouille aufgegriffen worden oder der Bauer, der ihn wieder in sein Haus aufnahm, hierbei erwischt worden, hätte dies für beide tödlich ausgehen können.

Am Ende der Tätigkeit des ÖVF kann ich mit Befriedigung feststellen, dass wir in gemeinsamer und konstruktiver Zusammenarbeit zwischen dem ÖVF und der ukrainischen Partnerorganisation, die eine sehr gute Leistung im Laufe der Jahre bot, alles nur Menschenmögliche getan haben, um alle ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiter, die auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich Zwangsarbeit verrichten mussten, zu eruieren. Wenn wir diesen Zwangsarbeitern die lang ersehnte Genugtuung, zum ersten Mal als NS-Opfer anerkannt zu werden, verschaffen und gleichzeitig auch ihre Lebensumstände verbessern konnten, dann haben wir nach bestem Wissen und Gewissen alles getan, um den vom Versöhnungsfonds-Gesetz uns übertragenen Aufgaben gerecht zu werden.

Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, um allen ukrainischen Freunden , die ihren Beitrag zum Gelingen dieser großen humanitären Aktion des Österreichischen Versöhnungsfonds geleistet haben, persönliches Wohlergehen, Glück und Zufriedenheit in ihrem weiteren Leben wünschen.